Wunschgeburt oder Wunschdenken?

Sich hochkonzentriert einfach nur hingeben und durch eine Wunschgeburt schweben – ist das Wunschdenken oder machbar? Es ist machbar, aber nicht für jeden.

Das Thema „Wunschgeburt“ kam mit HypnoBirthing auf, der Geburtsvorbereitung nach Mary Mongan. Die Idee ist, das man durch intensives sich Vorstellen einer Geburt, die man gerne erleben möchte, dem Körper eine Art Anleitung gibt, wie er die Geburt durchführen soll.

Dazu muss man sagen, dass der Körper auf die im Gehirn gespeicherten Vorstellungen reagiert. Stellt man sich also immer und immer wieder vor, wie die Geburt des Kindes verlaufen soll, wandern diese Vorstellungen ins Nervensystem – so als ob man schon einmal auf diese Weise geboren hätte. Dann muss der Körper, wenn es so weit ist, das Ganze einfach nur wiederholen.

Das Mittel, um die Wunschgeburt ins Nervensystem einzuspeichern ist (Selbst-)Hypnose.

„Hypnose ist im Grunde ein Zustand höchster Konzentration,“ sagt Urs Camenzind, einem der ersten zertifizierten HypnoBirthing Kursleiter in Europa. Sich in Hypnose die Wunschgeburt vorzustellen, verbessert auf Grund dieser Konzentration die Qualität der gespeicherten Vorstellungen. Darüber hinaus hilft die (Selbst-)Hypnose der Gebärenden bei der Geburt, sich gut zu entspannen und dabei auf die Wunschgeburt konzentriert zu bleiben. Und da das Gehirn nur eine begrenzte Menge an Informationen gleichzeitig verarbeiten kann, kommen deshalb auch weniger oder gar keine Schmerzsignale im Gehirn an. Also noch ein Vorteil.

Für eine Wunschgeburt wird oft Selbst-Hypnose benutzt. Das kann funktionieren, aber scheitert deutlich öfter.

So viel zur Theorie – jetzt zur Praxis.

Eine Wunschgeburt ist schon viel zu oft gescheitert

Selbst Hebammen, die HypnoBirthing als Geburtsvorbereitungskurs anbieten und von der Methode begeistert sind, räumen ein, dass das Ganze im Kreißsaal oft scheitert.

Was prinzipiell zu erwarten ist.

Hypnose wird ja zum Beispiel auch in Zahnarztpraxen eingesetzt oder bei Schmerztherapien. Folglich gab es schon einige wisschenschaftliche Untersuchungen zu diesem Thema. Dabei zeigte sich, dass Hypnose „statistisch insignifikant“ ist – oder anders sagt, dass es machmal funktioniert und manchmal nicht. Nicht zuletzt, weil keineswegs jeder hypnotisierbar ist.

Ein weiterer Punkt dabei ist, dass zum Beispiel in einer Zahnarztpraxis die Hypnose vom Arzt oder einem Therapeuten durchgeführt wird, während bei HypnoBirthing die Schwangere alles selbst durchführt. Mit all den Unsicherheiten, Störfaktoren und Fehlern, die man dabei machen kann.

Da ließen sich noch eine ganz Reihe anderer Gründe anführen, aber wenn Sie selbst das Gefühl haben, dass Sie das machen wollen – Ihre Chance, eine Wunschgeburt zu erleben, liegt bei fifty-fifty …

Aber: Ist eine Wunschgeburt wirklich so wichtig?

Was wirklich wichtig ist

„Das Hochjubeln des Stillens, die Frage nach der absoluten Wunschgeburt und dem schönsten Kreißsaal sind Diskurse, die nichts mit der Lebenswirklichkeit zu tun haben.“

Livia Görner, Hebamme

Die Lebenswirklichkeit ist das Entscheidende – finden Sie nicht?

Und hier gibt es zwei ganz entscheidende Punkte, die Sie unbedingt auf dem Plan haben sollten:

  1. Eine gute Geburt und
  2. Ihr Leben mit Kind.

Beides gehört zusammen und sind wie zwei Seiten ein und derselben Münze.

Eine gute Geburt gehabt zu haben wird Ihnen ersparen, viele Jahre Ihres Lebens an Minderwertigskeitsgefühlen, persönlichen Schuldgefühlen und anderem Negativen zu leiden, das auf das Geburtserlebnis zurückgeht. Statt dessen werden Sie mit einer gehörigen Portion Selbstvertrauen und Stärke aus der Geburt kommen, das Ihnen genau das gibt, was Sie für die Zeit danach brauchen werden.

Zuviele Schwangere haben lediglich die Geburt im Blick, aber nicht die Zeit danach. Sie machen den Fehler zu glauben, dass nach der Geburt alles so weiter geht wie vor der Schwangerschaft – nur eben mit Kind.

Nur: So wird es nicht sein.

Die Geburt verändert bei den mit Abstand meisten Frauen das Wertesystem.

Das heißt, dass Sie nach der Geburt nicht mehr dieselbe sein werden, weil Ihnen vieles wichtig sein wird, das Sie vor der Schwangerschaft vielleicht noch gar nicht kannten – vor allem nach der ersten Geburt.

Wenn man das ganze aus diesem Blickwinkel betrachtet wird deutlich, dass die Geburt im Grunde nicht für sich selbst steht, sondern das Ende eines Wendepunktes in Ihrem Leben markiert, dass ab dann neu beginnt. Genau deshalb brauchen Sie das, was Ihnen eine gute Geburt gibt: Eine große Extraportion Selbstvertrauen, Kreativität und die praktische Erfahrung, welche Kraft in Ihnen steckt und wozu Sie tatsächlich fähig sind.

Und ebenfalls genau deshalb sollten Sie auch von Anfang an Ihr neues Leben mit Kind vor Augen haben – nicht die ultimative Wunschgeburt.

Eine gute Geburt

Der vielleicht wichtigste Unterschied zwischen einer Wunschgeburt und einer guten Geburt liegt darin, dass Sie im besten Falle eine Fifty-Fifty-Chance haben, sie auch zu verwirklichen. Eine gute Geburt jedoch können – und werden – Sie definitiv erreichen – und mit einem bisschen Glück wird vielleicht sogar eine wirklich schöne Geburt daraus … ganz von selbst.

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