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Raqs Sharki, die erste Wiege des Lebens

Foto einer Bauchtänzerin (Quelle: Fotolia.de)

Alleine zu gebären, am besten vielleicht noch auf dem Rücken liegend und im Bett, ist eine Erfindung „zivilisierter," westlicher Kulturen – und eine ziemlich dumme Idee. Sie geht davon aus, dass Frauen nicht selbst richtig gebären können und deshalb medizinische Hilfe brauchen, und für die Helfer ist die Rückenlage der in der Geburt befindlichen Patientin optimal.

In fast allen anderen, vor allem ursprünglicheren Kulturen, kommen mehrere Frauen bei einer Geburt zusammen und unterstützen sich gegenseitig – auf unterschiedlichste Weise.

Aus dem alten Orient ist bekannt, dass helfende Frauen wahrscheinlich in Erinnerung an ihre eigenen Gebärerlebnisse nach und nach zu tanzen begannen. Nicht tanzen im westlichen Sinne, sondern in dem Sie ihrer eigenen inneren Musik lauschten, Ihren Erinnerungen, ihrem eigenen Rhythmus, und ihr Körper dabei von selbst dieser inneren Musik folgte.

Durch diese Verbindung mit der inneren Stimme und dem Tanzen waren helfende Frauen einerseits in der Lage, mögliche Geburtstraumatas aufzuarbeiten oder ein schönes Geburtserlebnis nochmal (neu) zu erleben und andererseits, sich selbst auf eine Folgegeburt im wörtlichen Sinne einzuschwingen. So seltsam es klingen mag, aber dadurch, dass sie einer Gebärenden halfen, halfen Sie sich selbst. Gebären ist auch ein soziales Phänomen.

Aber natürlich half das vor allem der Gebärenden.

Sie schloss sich den tanzenden Frauen an, bis sie immer tiefer in dieser Musik und diesem Rhythmus aufging und alles um sie herum aus dem Fokus verlor – was ein zutiefst sinnliches und auch spirituelles Erlebnis ist. Sie ließ sich los und begann zu tönen, vielleicht zu schreien – bis das Baby geboren war.

Bei all dem brauchte sie keine Atemkontrolle, keine Atemübungen oder -techniken: Der Atem folgt von selbst.

Alles was sie brauchte, waren die helfenden Frauen und den Kontakt zur eigenen inneren Musik. Sie lauschte nach innen, tauchte mehr und mehr in ihre inneren Welten ein, ließ den Körper dabei nach und nach los und überließ ihn seinem eigenen Rythmus. So konnte (und kann) er sich ganz von selbst so bewegen oder still stehen, wie es für den jeweiligen Augenblick optimal ist.

Keine zwei Körper sind gleich, also gibt es für jeden Augenblick und für jeden Körper ein individuelles Optimum, das sich durch eben die innere Musik von selbst neu einpendelt.

Aus dieser Kultur des Gebärens entwickelte sich über Jahrhunderte hinweg eine Kunstform, die zusammen mit Trommeln und anderen Instrumenten als Raqs Sharki, die erste Wiege des Lebens bekannte wurde – oder zu Deutsch: dem Bauchtanz.

… viele Figuren der Jahrhunderte alten Tanztradition stimmen mit den Übungen der modernen Geburtsvorbereitung überein. Der Bauchtanz unterstützt die Kräftigung der Muskulatur im Oberschenkel- und im Beckenbereich und fördert durch die bessere Durchblutung auch das Wachstum und Gedeihen des Kindes … (Aus einem Beitrag von Arte.tv, der leider nicht mehr zur Verfügung steht.)

Die Bewegungen des Bauchtanzes haben viel mit Gebären zu tun. Darüber hinaus kann es Frauen in der Entwicklung sowohl ihrer körperlichen, als auch der inneren Haltung fördern: Die Bewegungen werden anmutiger, fließender, und gleichzeitig entwickelt sich Ihr Gefühl für Anmut, für Schönheit und wächst Ihr Vertrauen in sich selbst.

Es ist fraglich, ob sich heute immer noch so gebären lässt – schon weil uns eine entsprechende Gebärkultur fehlt. Heute betrachtet man Geburten technisch. Und man fragt sich, wie sich Schmerzen am besten vermeiden ließen. Oder wie man eine leichtere Geburt haben kann.

Dabei: Es gibt keine zwei identischen Körper. Nicht einmal eineiige Zwillinge haben den. Wieso also betrachten wir die Geburtserlebnisse anderer als Vergleich? Wieso lassen wir nicht den Gedanken zu, dass zu jedem Körper eine ganz bestimmte Geburt zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt gehört? Eine Geburt und ein Zeitpunkt, die beide erst aus dem Gebären hervorgehen und nicht im Vorhinein feststehen?

Dieser ganz bestimmte Augenblick und diese ganz bestimmte Geburt haben alles mit der inneren Stimme zu tun – mit der eigenen, nicht mit der von anderen.

Das entscheidende Element des Gebärens ist eben das Hier und Jetzt, weil Gebären eine Handlung ist und man nur im Hier und Jetzt handeln kann, und weil sich die innere Stimme immer nur im Hier und Jetzt meldet.

Das entscheidende Element des Gebärens ist ein spirituelles Element.

Genießen Sie die Zeit … 🙂

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